In der geräumigen Hütte von Don Christobal und seiner Frau Eulalia haben sich elf TeilnehmerInnen versammelt, neun Frauen und zwei Männer aus verschiedenen Gemeinden dieses Landkreises. Antonia, Gesundheitspromotorin dieses Dorfes erklärt, dass sie eigentlich einen Versammlungssaal für solche Aktivitäten hätten, dass dieser aber inzwischen als Klassenzimmer diene, da sich die autonome Schule ausgeweitet hätte. Daher stellet uns die Familie für die folgenden Tage ihr Schlafzimmer zur Verfügung. Und auch die Verpflegung der dreizehn zusätzlichen Esser übernimmt Eulalia, unterstützt von einer compañera aus dem Dorf. Als ich nachfrage, ob sie denn einverstanden damit ist, lacht sie: "Ach, so machen wir das immer. Manchmal haben wir schon Versammlungen von 40, 50 Leuten hier gehabt."
Der Kurs beginnt mit einer Vorstellungsrunde. Da ist Doña Fidelia, eine grauhaarige Majestät von 70 oder 80 Jahren, Chol-Indigena. Aufrecht sitzt sie auf der Holzbank und strahlt eine ungeheure Ruhe aus. Selten, dass sie das Wort ergreift, doch wenn sie redet, dann voller Selbstbewusstsein und Überzeugung. Seit Jahrzehnten ist sie als Hebamme tätig, hat diese Tätigkeit von ihrer Mutter gelernt und kommt zu dieser Fortbildung, weil sie noch lernen will, unter Anderem mit sterilen Handschuhen zu arbeiten.
Und da ist auch Maria, vielleicht 15 Jahre alt, Tzeltal-Indigena, aus einer Gemeinde zwei Stunden Fussmarsch entfernt. Ihr fällt es sichtlich schwer, vor einer Gruppe zu sprechen. In ihrem Dorf ist sie eine der Promotorinnen, nun will sie auch lernen, Schwangere und Gebärende zu betreuen.
Die beiden Männer in der Runde halten sich eher dezent am Rande. Einer ist gekommen, da die Einladung etwas verkürzt bei ihm ankam und dachte, er käme zu einer "normalen" Fortbildung für Promotoren. Der Andere wurde von seiner Gemeinde geschickt, um einer der Hebammen zu übersetzen, vom Chol ins Spanische und umgekehrt. Im Laufe des Kurses zeigt sich, dass die Frauen die Übersetzung ganz gut untereinander hinbekommen, was ihn nicht daran hindert, bis zum Ende aufmerksam mitzuarbeiten und alles in ein Schulheft mitzuschreiben.
Bevor es richtig losgeht, legen die TeilnehmerInnen die Arbeitszeiten fest: Die folgenden Tage werden sie um 6.30 Uhr beginnen und bis abends um acht arbeiten - mit den Unterbrechungen, die für die ganze Zone zu gelten scheinen: Frühstück, eine Pause um Pozol (das traditionelle Maisgetränk) zu trinken, zwei Stunden Mittag um zu essen und zu baden, Abendessen und nach acht dann noch ein Kaffee zur guten Nacht. Und an diesen Plan halten sie sich auch eisern, obwohl diese Art der Fortbildung für die Meisten offensichtlich ungewohnt und anstrengend ist. Die Frauen hier sind es einfach nicht gewohnt, den ganzen Tag zu sitzen. Doch als Joaquin an einem der folgenden Tage um zehn vor acht vorschlägt, für heute Schluss zu machen, gibt es einhelligen Protest.
Sie wollen lernen, das ist deutlich, wollen die Gelegenheit nutzen. "Hier kann ich viel lernen, was meiner Gemeinde hilft, damit wir unsere Situation verbessern können.", erklärt Joaquina. Sie ist etwa 35 Jahre alt und zusammen mit ihrer Mutter hier, von der sie gerade das traditionelle Hebammenwissen erlernt. Doch da dies der erste einer ganzen Reihe von Kursen ist, steht zunächst eine ausführliche Analyse der Situation in ihren Gemeinden an. Wer betreut die Schwangeren? Welche Rolle haben die Hebammen in den Dörfern? Was geschieht mit schwierigen Geburten? Wissen sie von Todesfällen unter der Geburt? Diese und viele weitere Fragen bearbeiten sie in Kleingruppen, um sie dann in der gesamten Runde vorzustellen.
Im nächsten Abschnitt geht es um die Rolle und Situation der Frauen in den Dörfern. Denn auch wenn die Frauen mittels der zapatistischen Bewegung schon gewaltige Fortschritte bezüglich ihrer Rechte und Stellung innerhalb der Gemeinschaften erreicht haben, so benachteiligt sie die traditionelle Rollenverteilung immer noch deutlich. Frauen arbeiten mehr und schlafen weniger, sie heiraten meist früh, und Essen, das für einen Mann gerade ausreicht, ist für eine Frau die schwanger ist oder stillt, eben nicht genug. Auch die soziale Gerigschätzung der Frau in den indigenen Gemeinschaften dieser Region ist durchaus noch verbreitet. Die Geburt eines Sohnes ist ein willkommeneres Ereignis als die einer Tochter.
Die Mehrheit der Frauen kennt aus ihren Gemeinden Beispiele, dass Männer ihre Frauen dafür verantwortlich machen, wenn sie ihnen keinen Sohn gebären. Und dort setzt der erste ausführliche Exkurs an: "Wer ist verantwortlich für das Geschlecht eines Kindes?" Und mittels eines Ausflugs in die Welt der Samen- und Eizellen wird deutlich, dass es der Vater ist, der die entscheidende Information beisteuert. Die Mehrheit dieser Frauen und Männer hört soeben wahrscheinlich zum ersten Mal das Wort "Chromosomen". Und die Kenntnis dieser einfachen medizinischen Tatsache kann vielleicht für manche Frau in den Dörfern den Unterschied machen, ob sie von ihrem Ehemann verlassen wird oder nicht.
Am folgenden Tag gibt es zunächst Unterricht in Anatomie: Die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane werden durchgenommen, am Nachmittag der Zyklus der Frau, fruchtbare und unfruchtbare Tage, dann der Ablauf einer normalen Schwangerschaft und Geburt, Beschwerden in der Schwangerschaft, Komplikationen bei der Geburt. Dabei legt Joaquin als Kursleiter beständig daruf, die Erfahrungen der anwesenden Hebammen einzubinden. Pflanzen oder Medikamente nutzen sie hier kaum in der Geburtsvorbereitung, erfahren wir. Aber nach der Entbindung bekommen die Mütter einen Schluck Pfefferschnaps. "Der wärmt sie wieder auf und hilft, dass sich die Plazenta löst."
Doña Fidelia demonstriert an einer anderen Teilnehmerin, wie sie die Lage des Kindes im Bauch der Mutter ertastet und wie eine Massage ausgefürt wird, um es in die richtige Lage zu bringen. "Aber das geht nur bis zum sechsten Monat. Danach ist das Kind zu gross und es schmerzt die Mutter zu sehr. Deshalb muss man früh immer wieder kontrollieren, wie das Kind liegt." Und das tut sie offensichtlich mit Erfolg: In all den Jahren und bei den hunderten von Geburten, die sie begleitet hat, hat sie noch keine Mutter zum Krankenhaus bringen müssen.
Doktor Joaquin will eine normale Geburt nachstellen, doch es findet sich keine Freiwillige. Schliesslich bestimmt das Los einen der Männer dazu, die Rolle der Gebärenden zu übernehmen. Er trägt die Entscheidung mit Fassung und unter dem Schmunzeln der Frauen gebiert er mittels einer Spezialhose mit Öffnung zwischen den Beinen, eine Schaumstoffpuppe, komplett mit Nabelschnur.
In einer der Pausen kommt gerade eine Gruppe von Jugendlichen und Kindern vorbei, beladen mit Säcken, Schaufeln und Macheten. Es sind Schüler der zapatistischen Schule und zwei Bildungspromotoren, die hier die Stelle der Lehrer einnehmen. Sie laden mich ein, zuzusehen wie sie biologischen Dünger herstellen. Etwa zweihundert Meter hinter dem Haus befindet sich eine eingezäunte Brachfläche. Hier soll der Gemüsegarten der Schule entstehen, erklären sie mir, damit die Kinder lernen, neue Gemüsesorten anzubauen. Und dafür richten sie einen Komposthaufen ein: Kuhmist wird gemischt mit grünen Blättern, mit ein wenig Holzasche und schwarzer Erde aus dem Wald. "Man kann auch Kalk dafür nehmen," erläutert einer der Promotoren, "aber wir nehmen die Asche, denn so müssen wir nichts dazukaufen, weil alles von hier kommt. Und weil wir arme Leute sind, haben wir kein Geld für die chemischen Mittel. Die in den Regierungsprogrammen bekommen Düngemittel gestellt. Aber diese Mittel erschöpfen die Erde, und deshalb wollen wir das Wissen verbreiten, wie der biologische Dünger hergestellt wird."
Die Schüler dreschen mit ihren Macheten auf den Blätterberg ein, bis dieser sich in einen Haufen grüner Schnitzel verwandelt hat. Dann werden die Zutaten durcheinandergeschaufelt, bis eine gleichmässige Mischung entsteht. Aber zu trocken ist sie noch, und so wird vom Haus in Kanistern Wasser herangetragen, und der Haufen begossen. Schliesslich wird die Mischung mit einer dunklen Plastikplane abgedeckt. Alle fünf Tage werden sie diesen Berg umschaufeln und den Prozess kontrollieren und nach sechs Wochen, so hoffen sie, sei der Dünger fertig.
Nach dem Tagesprogramm bleibt abends noch Zeit für Gespräche mit Don Christobal. Er kennt die Geschichte des Dorfes von Anfang an, denn sein Vater hat es in den Sechzigern mitgegründet. In den Neunzigern waren noch mehr Familien aus dem Dorf mit den Zapatistas organisiert; inzwischen sind sie jedoch deutlich in der Minderheit. Aber das ficht diejenigen, die dabeibleiben wenig an. "Viele sehen schon, dass die Regierung sie nur betrügt, dass sie nur Almosen bekommen, dafür dass sie den Kampf aufgeben. Was wir machen ist eine Arbeit für Alle, damit Alle ihre Rechte haben und besser leben können.", so Don Christobal.
Nach vier Tagen haben wir das Kursprogramm abgearbeitet und als letzter Punkt wird zusammen festgelegt, wann und wo der nächste Kurs stattfinden soll. Keine drei Wochen später, entscheiden sie, in einer Gemeinde von zwei der Teilnehmerinnen, denn dort gibt es einen grossen Fluss zum Baden. Mit etwas Wehmut verabschiede ich mich von der Gruppe, denn all zu kurz ist die Zeit doch gewesen, und zu gerne haette ich mehr von ihnen, von ihrem Leben und ihren Gedanken erfahren.
Doch daran ist nun nichts zu ändern und so bleibt mir nichts, als ihnen zu danken und Glück für ihren Weg zu wünschen.
* (alle Namen geändert)