Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe

Ein Erfahrungsbericht von "vor Ort"


Vor gut drei Monaten zerstörte der Hurrikan Stan weite Teile des südlichsten Bundesstaates Chiapas in Mexiko. Seitdem gehen die Aufbauarbeiten in den betroffenen Gebieten nur schleppend voran und die im April/Mai beginnende Regenzeit droht auch die bereits gemachten Fortschritte zunichte zu machen.

Ein Erfahrungsbericht von "vor Ort"

Chiapas, die Pazifikküste entlang. Je näher wir Tapachula kommen, desto präsenter wird die Zerstörung, die mit dem Hurrikan Stan verbunden ist:
Flussbetten erstrecken sich weitläufig im Gelände, die ehemaligen Flüsse rinseln sich dünn durch die neuen Weiten, die sich den gewaltigen Wassermassen noch vor drei Monaten unterworfen hatten.
Hier und da ragen Häuser- und Baumfetzen aus dem nun getrockneten Schlamm, teils sind alte Strassen- und Brückenstücke sichtbar – graue Ruinen inmitten einer zerstörten Natur. Mehr noch als die sichtbare Zerstörung erschreckt die Vorstellung an das, was von den ganzen Schlamm- und Geröllmassen mitgerissen wurde und sich noch unter der grauen Sandwüste befinden mag. Begraben von diesen hellen Schlammflächen, die sich ähnlich einer Mondlandschaft präsentieren, in der das Nichts, das Gestern verschluckend, seine einsame Gegenwart zelebriert.

Es ist Mitte Januar und ein Menschenrechtszentrum in Tapachula hat dazu eingeladen, knapp drei Monate nach der Hurrikan-Katastrophe zu dokumentieren, welche Hilfsleistungen bisher wo, bei wem und wie ankamen. Die Einladung ging an die verschiedensten in Chiapas ansässigen NGOs und ebenso zusammengewürfelt sitzen wir nun im Auto, das sich über die kurvigen Serpentinstrecken in Richtung Süden, in Richtung Katastrophengebiet, in Richtung Tapachula, schlängelt.

Unsere Route führt von San Cristóbal de Las Casas aus über die Küstenstrecke, da die Strecke über Motozintla noch gesperrt zu sein scheint. Später erfahren wir, daß diese Straße doch schon freigeräumt, doch schon rekonstruiert wurde und wir sie somit hätten benutzen können. An vielen Strassenrändern prangen denn auch die großflächigen Schilder der Regierung, auf denen zu lesen ist: "Zeit der Rekonstruktion" oder "Wir alle sind Chiapas"...

Zu welchen Anteilen sich diese von der Regierung propagierte Rekonstruktion auf die Straßennetze und dann auf die mehr "um die Straßen herum" lebende Bevölkerung konzentriert, werden wir in der folgenden Woche bruchstückhaft erleben und dokumentieren. Aufgeteilt in fünf Brigaden, besuchen wir, Katastrophengebiet für Katastrophengebiet abklappernd, verschiedene Orte, die von Stan und seinen Wassermassen betroffen wurden: Suchiate, Metapa, Tapachula, Mazatán, Huehuetan, Tuzantán, Acacoyahua, Mapastepec, Acapetahua. Das sind längst nicht alle Orte, die besucht werden müßten, aber mit knapp 15 Leuten in fünf Tagen scheint mehr nicht möglich. Meine Brigade besucht die Städte Huixtla, Villa Comaltitlán und Escuintla – ausgerüstet mit zwei Fotoapparaten, verschiedenen Fragebögen sowie einem Diktiergerät.

In Huixtla angekommen, besuchen wir gleich morgens eine Notunterkunft auf dem Gelände einer ehemaligen Texilfabrik. Hier leben in einer Lagerhalle noch immer mehr als 750 Menschen. Nachdem die Polizei unsere Ausweise kontrolliert und unseren Besuch für legitim erklärt hat, dürfen wir in Begleitung mit dem Lagerleiter das Gelände betreten. Jeder Familie stehen hier, unabhängig von der Anzahl ihrer Kinder, zwei mal zwei Meter zur Verfügung, wo sie sich selbst sowie ihre geretteten Habseligkeiten verteilen können. Mahlzeiten werden morgens, mittags und dann nochmal abends verteilt. Die sanitären Anlagen seien ausreichend, die Lage unter Kontrolle. Anfangs sei das Gelände vom Militär kontrolliert worden, nun habe man die Aufsicht an die Polizei der zivilen Sicherheit abgegeben, die nun für Ordnung sorge.

Bei der Lagerhalle angekommen, sammelt sich schnell eine Menschentraube um uns: Wir sind die willkommene Ablenkung, die Möglichkeit, das Leid zu erzählen, vielleicht die Hoffnung auf Hilfe. Viele haben ihre Unterkünfte auf immer verloren und warten nun auf die versprochene Umsiedlung in neuen Wohnraum, der von der Regierung erst noch gebaut werden muß. Umzugsdaten gibt es verschiedene, gebaut wurde noch nichts, man wird sehen.

Andere warten darauf, ihre Häuser wieder beziehen zu können – wenn der teils zwei Meter hohe Schlamm endlich weggeräumt wurde und die Häuser wieder frei stehen. Die Regierung vergibt im Rahmen des Rekonstruktionsplans zwar kostenlos Farbe zum Anstrich der Häuser, den kontaminierten Schlamm muß jedoch jeder selbst wegschaffen. Und die Motivation hierzu steigt nicht gerade, wenn sich das verschlammte Haus 20 Meter vom Fluss entfernt befindet. Denn die betroffenen Stadtteile liegen seit Stan auf der gleichen Höhe wie die verschlammten Flußbetten und mit Beginn der Regenzeit ab Mitte April ist die nächste Überschwemmung bereits absehbar – wenn die Flussbetten nicht korrigiert und abgesichert werden, wovon derzeit keiner spricht.

Der vor Ort tätige Pfarrer organisiert für uns zudem Besuche in drei umliegende Gemeinden, was uns weg von der Küste in die höher gelegene chiapanekische Sierra führt. Die Anfahrt dauert fünf Stunden, was teils an der zu überbrückenden Entfernung, teils an den Wegen liegt, deren Schlaglöcher und Schlammpisten ebenfalls Zeit einfordern. Diese Wege nannten sich nie Straßen, weswegen sie auch nicht von der Regierung, sondern den hier lebenden Menschen geräumt wurden. Die Leute in Barrio Brasil und Santa Rita de Cordova berichten, daß das Freiräumen der Wege lebensnotwenig war, um Hilfsleistungen überhaupt organisieren zu können – nachdem die eingesetzten Helikopter mit Hilfspacketen ihre Dörfer gerade zwei mal überflogen, zwei Pakete mit dem wenigsten abwarfen und dann nicht mehr gesehen wurden.

Weiter südlich besuchen wir eine Bauernorganisation, die ein Zusammenschluss von sich selbst organisierenden Gemeinden in der Sierra Madre von Chiapas darstellt. Die Situation in den außerhalb der Städte liegenden Dörfern scheint teils noch hoffnungsloser als in den städtischen Katastrophengebieten. In den höher gelegenen Gebieten kam es in vielen Teilen zu gewaltigen Erdrutschen, die nicht nur die lebensnotwendigen Wege verschütteten, sondern oft auch das bearbeitete Land mit sich rissen. Viele Bauern verloren so durch Stan ihr Ackerland und ihre Ernte, die normalerweise die Selbstversorgung sichert.

Die Bauern berichten, eines der Hauptprobleme ihrer Gemeinden sei derzeit der Hunger und hiermit verbunden die Migration. Denn die Dörfer liegen teils weit ab von irgendwelchen Straßennetzen, sind oft nur über 6 bis 12-stündige Fußmärsche erreichbar und der Transport von lebensnotwenigen Nahrungsmitteln übersteigt derzeit die Kapazitäten der kleinen Organisation.

Vor Stan lebten diese Gemeinden fast rein subsistenzwirtschaftlich und sicherten sich ihre Versorgung die Regenzeit über mit Vorräten, die sie in den Monaten vorher angebaut und dann geerntet hatten. Vor acht Jahren begannen sie, sich soweit zu organisieren, daß sie neben der herkömmlichen Nahrung (Tortilla und Bohnen) noch Kartoffeln, Tomaten und anderes Gemüse anbauten. Sie organisierten sich zudem Gesundheitsseminare, Nähkurse, suchten nach alternativen Elektrizitätsquellen und begannen, eigene kleine Läden in den Dörfern zu errichten, um sich ein Stück weit aus der Abhängigkeit der Coyotes (traditionell Kaffeeaufkäufer) zu befreien. Diese suchen die Gemeinden nämlich nicht nur auf, um möglichst billig deren Kaffee aufzukaufen, sondern auch, um den Gemeinden Lebensmittel wie Salz und Zucker oder auch Seife zu verkaufen – allerdings zu horenden Preisen und wohlwissend, daß der Weg zum Markt oft ein, zwei Tage dauert.

Mit Stan wurde diesen Gemeinden nun ihre Lebensgrundlage buchstäblich unter den Füßen weggerissen und ein Sprecher der besuchten Bauernorganisation berichtet traurig, daß derzeit mehr als die Hälfte der Gemeindemitglieder migrieren, weil sie keine andere Perspektive mehr sehen. Sie versuchen zwar verzweifelt, die Gemeinden mit dem Nötigsten wie Bohnen und Mais zu versorgen – die langen Transportwege helfen hierbei jedoch genauso wenig wie das wenige Geld, über das die Organisation verfügt. Wenn sich hieran nichts grundlegend ändert, sehen die Bauern und ihre Gemeinden ihrem Ende entgegen. Denn da die Selbstversorgung zusammen gebrochen ist, bleibt ihnen mit Beginn der Regenzeit Ende April wahrscheinlich nichts anderes mehr übrig als ihre Gemeinden zu verlassen, bevor die Wege dorthin wiederum verschlammt sind und dann für die nächsten Monate unpassierbar werden. Eine letzte Hoffnung wäre noch die temporal begrenzte Umsiedlung auf nutzbares Land außerhalb der Sierra. Und die Bauern verhandeln derzeit auch mit dem Municipio – aber da nutzbares Land in Chiapas seit Jahrhunderten nicht nur ungleich verteilt, sondern auch gut behütet ist, scheinen die Erfolgschancen von vornherein mehr als gering.

Nebenbei erscheint die Untätigkeit der Regierung dem Elend der Betroffenen gegenüber fast systematisch. Zwar werden die für den Transport wichtigen Strassennetze schnellstens rekonstruiert und neue Brücken sind schon längst gebaut. Neues Land außerhalb der Risikozonen und neuer Wohnraum für diejenigen, die alles verloren haben, läßt jedoch bisher weiterhin auf sich warten. Man sei am verhandeln, man sei am bauen, tönen die Plakate der Regierung am Straßenrand. Umzugsdaten gibt es jedoch keine und vereinzelte Verhandlungen um sicheres Land sind noch lange nicht beendet, wenn den Betroffenen nicht einfach die Rückkehr an die Flußufer angeboten wird.

Während dessen migrieren die Menschen Tag für Tag gen Norden. Sie haben Angst vor der kommenden Regenzeit, die die verschlammten Gebiete in und außerhalb der Städte wiederum in Katastrophengebiete verwandeln wird. Und sie wissen, daß die Katastrophenhilfe zumindest diesmal mehr aus Kontrolle und Verwaltung des Elends bestand denn aus Hilfe, die ein Bleiben ermöglicht.